Donnerstag, 8. März 2018

A115 - Der Sturz




Tiefer Fall, doch keine Einsicht

Rezension zu A115 - Der Sturz
*****

Das ebenso abrupte wie aufsehenerrgende Ende der Karriere des Dr. Thomas Middelhoff dürfte allgemein bekannt sein. In „A115 – Der Sturz“ schildert er seine Wahrnehmung der Saalverhaftung und der Umstände seiner Untersuchungshaft, insbesondere einer (seinen Angaben zufolge) daraus resultierenden schweren Autoimmunerkrankung. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Nachwort des Strafrechtsprofessors Bernd Schünemann. Aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Spiegel sind mehrere Passagen in einem Kapitel geschwärzt.


Middelhoff war schon zu Lebzeiten – ich erlaube mir diesen Terminus, da er selber von seiner Hinrichtung spricht -, vorsichtig ausgedrückt, eine stark polarisierende Persönlichkeit. Das ist der Grund, warum ich in dieser Rezension deutlich stärker auf Details eingehen werde, als ich es üblicherweise halte – ich möchte mich nicht dem im Buchtext bereits vorbereiteten Vorwurf der Häme aussetzen und den mittlerweile anscheinend erzkatholischen Autoren zum Märtyrer erheben.

Die Geschichte in Kürze: Dr. Middelhoff wird im Gerichtssaal verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Dort erfährt er diverse Erniedrigungen, doch am meisten setzt ihm die Suizidkontrolle zu: Alle 15 Minuten wird nachts das Licht kurz eingeschaltet, Middelhoff muss ein Lebenszeichen geben. Aufgrund des Schlafmangels entwickelt sich die seltene Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes, die in an den Rand des Todes bringt.

Grundsätzlich fällt bereits nach wenigen Seiten auf, und dieser Eindruck hält sich: Man fühlt sich von der Diktion her an Verschwörungstheorien erinnert; immer wieder blitzten bei der Lektüre vor meinem geistigen Auge Erinnerungsfetzen meiner Jugendsünden auf, u.a. der Lektüre der gesammelten Erich-von-Däniken-Werke. Verstärkt wird dies durch den Aufbau des Buches: Es ist nicht chronologisch, sondern eher thematisch aufgebaut. Dies verwirrt gerne mal, hat aber zwei Effekte: Die gewünschten Aussagen werden in unterschiedlichem Kontext immer und immer wiederholt, und dies schafft Masse.

Dabei kommt es dann schon mal zu Unstimmigkeiten: So ist Middelhoff nach der Untersuchung nicht mehr in der Lage, das Oberhemd zuzuknöpfen – was anscheinend morgens noch kein Problem darstellte. Dies fiel auch anderen auf, was ihn ziemlich erbost, aber nicht zu einer Erklärung des vermeintlichen Widerspruchs bewegen kann.

Auch sonst ist seiner Logik schwer zu folgen, eigentlich erschreckend bei der beruflichen Vorbelastung – es sei denn, ich verwechsle Logik und Rhetorik, was aber wiederum gewisse Vorbehalte gegenüber seiner Person erklären könnte. Wie auch immer: Anlässlich des Selbstmordes des Terroristen al-Bakr, der sich in seiner Zelle erhängt hatte, was wohl von einigen Medien mit seinem Fall verglichen wurde, stellt Middelhoff vergleichend fest: Bei dem Syrer bestand tatsächlich eine Suizidgefahr, bei ihm hingegen war „ein Suizid real ausgeschlossen“. Wie ein Psychologe diese Realität feststellen soll, lässt er offen. Im weiteren Verlauf dieses Intermezzos wird es pikant, denn ein Wirtschaftsverbrecher ist wohl doch etwas Besseres als ein „normaler Krimineller“. Von daher wären, aus seiner Sicht, dem Beispiel anderer westlicher Länder folgend Gefängnisse u.a. für Wirtschaftskriminelle wünschenswert – „die sich überwiegend durch ihren Intellekt, ihre Persönlichkeit und ihren sozialen Hintergrund von anderen Straftätern unterscheiden“. Zwar kann ich den subjektiv geprägten Wunsch verstehen, nur zeugt dieser nicht unbedingt von Einsicht oder Demut.


Zwischendurch bietet das Buch auch mal etwas zum Schmunzeln: Auf die rhetorische Frage nach dem Sinn des Oxford-Sponsoring stellt Middelhoff fest: „Vermutlich leuchtet die Antwort […] auch der Staatsanwaltschaft Bochum ein. Denn sie unterstellt nun […], es sei beim Sponsoring der Universität Oxford allein um eine persönliche Profilierung gegangen […]“.

Ein Anklagepunkt, der aber wohl fallengelassen wurde, bezog sich auf seine Privatflüge. Hierzu sei er von Madeleine Schickedanz autorisiert gewesen, und das habe er auch schriftlich – im weiteren Verlauf berichtet er aber nur von (falschen) Zeugenaussagen. Wo sind die schriftlichen Dokumente? Weiterhin drängt sich mir die Frage auf: Wenn es wegen einer (anscheinend nicht gegen ihn gerichteten Bombendrohung) zu gefährlich war, fürderhin mit Linienflügen zu fliegen – galt das nicht für die anderen Geschäftsreisenden des Konzerns gleichermaßen, für welche er die Verantwortung trug?

Interessant ist die Liebeserklärung an seine Frau – zu einem Zeitpunkt, nachdem diese bereits, so zumindest die Online-Version des Stern, kurz zuvor die Scheidung eingereicht hatte (und zu dem Zeitpunkt alles andere als freundlich gewesen sein soll).

Skurril wird es, wenn er sich verzweifelt bemüht zu ergründen, warum er zum „meistgehassten“ Manager in Deutschland wurde – er findet keine Antwort. Schade, so schwer ist die Frage eigentlich nicht zu beantworten.

Und so geht es weiter. Dabei ist die Zahl der Feinde, welche sich gegen Middelhoff verschworen hat, Legion: Zypries (und vermutlich auch Merkel), Staatsanwalt und Richter, das Finanzamt, die Bank Sal. Oppenheimer, der Unternehmensberater Roland Berger, der Vermögensverwalter Josef Esch, natürlich das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, der Arcandor-Insolvenzverwalter Görg, sogar der von Middelhoff so teuer geehrte Mark Wössner. Und irgendwie auch Gott, wenn ich den Hiob-Vergleich nicht fehlinterpretiere.

Menschen, die ihm Gutes tun, ist er „unendlich dankbar“ – so oft, dass diese Floskel nur noch leer und unglaubwürdig klingt. In der Intensität, mit der er Nächstenliebe und Herzensgüte über seine Mithäftlinge verteilt, erinnerte er mich mitunter an den guten alten Kara ben Nemsi (aka Old Shatterhand). Seine Gegner hingegen werden, zugegebenermaßen in gewählten Worten, auf eine angemessen erscheinende Inkompetenzebene verbannt. Da stört es auch keinen großen Geist, dass als Erklärung für die offensichtliche Inkompetenz beispielsweise herhalten muss, dass eine Schöffin ja nur Sekretärin in der entsprechenden Abteilung war, welche Ahnung kann sie da schon haben..? Wenn es zur Untermauerung seiner Thesen kommt, betreibt er Name-Dropping par excellence – fast schon so gut wie ein ganz Kleiner.

Während seiner Haft findet Middelhoff wieder stärker zu seinen katholischen Wurzeln, zu seinem religiösen Ich. Trotzdem finde ich die Quintessenz zwar im entsprechenden Kapitel, nicht jedoch im Buch wieder. Nicht die Gelassenheit des Hiob, nicht das Vergebende des Christen, nicht die Demut des wahren Gläubigen.

Im Nachwort stellt Professor Bernd Schünemann die Problematik einerseits des Strafprozesses, andererseits der Untersuchungshaft gut und plausibel dar, auch im historischen Kontext (wobei sich mir aufgrund der fachlichen Tiefe natürlich eine inhaltliche Bewertung verbietet). Leichte Kost ist dieser Teil des Buches allerdings nicht, und das Ergebnis ist schon etwas verstörend.

Insgesamt gesehen bekommt man in diesem Buch interessante Einblicke in die zusammenbrechende Welt eines Top-Managers. Wer schon einmal Verantwortung im Beruf getragen hat, kann seine Ängste, Sorgen und Nöte durchaus nachvollziehen. Auf die Vorwürfe geht der Autor nur am Rande ein. Aber noch etwas Wichtiges fehlt halt doch: Einsicht. Am Ende des Buches hat man nicht den Eindruck, dass Middelhoff wirklich verstanden hat, wie es zu der katastrophalen Wahrnehmung seiner Person in der Öffentlichkeit kommen konnte. Oder dass er auch nur einen Gedanken an die Mitarbeiter verschwendet, die wegen seiner Entscheidungen (oder Fehlentscheidungen, das möchte ich nicht bewerten) arbeitslos geworden sind. Oder dass er überhaupt verstanden hat, wie weit entfernt sein Lebensstil vom wirklichen Leben ist.


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